Geschichte

Die Nordwolle

Aufstieg und Fall der Fabrik, die Delmenhorst zur Industriestadt machte

Keine andere Fabrik hat Delmenhorst so geprägt wie die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei, kurz Nordwolle. Auf über 13 Hektar wuchs am Rand der Kleinstadt eine eigene Welt aus Backstein heran - mit Arbeitersiedlung, Sozialeinrichtungen und einem Krankenhaus. In den 1920er-Jahren lief hier rund ein Viertel der Woll-Weltproduktion vom Band. Dann kam 1931 einer der größten Wirtschaftsskandale der Weimarer Republik. Die Geschichte der Nordwolle ist die Geschichte Delmenhorsts.

Ein Rückkehrer aus Argentinien

Am 5. März 1884 gründete der Kaufmann Christian Lahusen die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei. Lahusen hatte lange in Argentinien gelebt und brachte die Wolle von dortigen Schaffarmen zur Verarbeitung nach Norddeutschland. Warum ausgerechnet Delmenhorst? Drei Standortvorteile gaben den Ausschlag: die Bahnlinie zwischen Bremen und Oldenburg, der Fluss Delme, dessen weiches Wasser sich zum Waschen der Rohwolle eignete, und die Tatsache, dass Delmenhorst - anders als das nahe Bremen - außerhalb des Zollgebiets lag.

Das Unternehmen wuchs rasant. Schon 1885 wurde das Grundkapital auf fünf Millionen Mark erhöht, unter anderem durch die Übernahme eines Werks im böhmischen Neudek. 1888 übernahm Lahusens Sohn Carl die Leitung und baute den Betrieb systematisch zu einem Konzern aus.

Die Stadt in der Stadt

Was auf dem Gelände entstand, war mehr als eine Fabrik. Rund um die Produktionshallen legten die Lahusens eine ganze Infrastruktur an: Werkswohnungen für die Arbeiter, Wohlfahrts- und Gesundheitseinrichtungen, ein eigenes Krankenhaus und ein Herrenhaus mit Gärten. Zeitgenossen sprachen von einer Stadt in der Stadt. Für Delmenhorst, bis dahin ein Ackerbürgerstädtchen, war die Nordwolle der Impuls, der aus dem Ort eine Industriestadt machte - die Einwohnerzahl vervielfachte sich.

Die Zahlen der Blütezeit sind beachtlich. 1911 arbeiteten rund 3.000 Menschen im Delmenhorster Werk, auf dem Höhepunkt bis zu 4.000; der Gesamtkonzern beschäftigte zeitweise über 28.000 Menschen weltweit. In den 1920er-Jahren produzierte die Nordwolle etwa ein Viertel der weltweiten Menge an Woll-Rohgarn. Aus der Provinzstadt an der Delme war ein Zentrum der internationalen Textilindustrie geworden.

Das Turbinenhaus, das Herz des Werks

Das industrielle Herz schlug im Maschinenhaus, das 1902 errichtet wurde und heute dem Museum seinen Namen gibt. Von hier aus wurden die unzähligen Textilmaschinen zunächst zentral über Schwungrad und Transmissionsriemen angetrieben; bis 1928 war die Produktion elektrifiziert, 1930 kam eine Dampfturbine hinzu. Die Dimensionen waren gewaltig: Die Maschinensäle erstreckten sich über nahezu 50.000 Quadratmeter unter charakteristischen Sheddächern. Wer die roten Backsteinbauten heute sieht, ahnt, welche Kraft hier einmal am Werk war.

Aufstieg und Fall: der Nordwolle-Skandal

Der Absturz kam schnell und mit Wucht. Im Juli 1931 brach der Lahusen-Konzern zusammen - eine Mischung aus Weltwirtschaftskrise, Missmanagement und überzogenen Bauprojekten, darunter ein protziges Herrenhaus. Die Verluste wurden auf 180 bis 240 Millionen Reichsmark geschätzt. Der Zusammenbruch riss Banken mit in die Tiefe und ging als Nordwolle-Skandal in die Geschichtsbücher ein, als einer der größten Wirtschaftsskandale der Weimarer Republik. Der Name Nordwolle stand nun für Aufstieg und Fall zugleich.

Das Ende - und was blieb

Die Produktion lief nach dem Skandal weiter, doch der Niedergang der deutschen Textilindustrie war nicht aufzuhalten. 1970 fusionierte das Unternehmen mit der Düsseldorfer Kammgarnspinnerei, 1981 wurde die Produktion in Delmenhorst endgültig eingestellt. Was blieb, war das Gelände: über 13 Hektar denkmalgeschützter Backsteinarchitektur mitten in der Stadt.

Statt Abriss folgte ein zweites Leben. Seit 1983 wird das Areal auch zum Wohnen genutzt, heute mischen sich hier Wohnungen, Gewerbe, Bildung und Kultur - im früheren Rohwolllager etwa das Veranstaltungszentrum com.media. Das Zentrum bildet das Nordwestdeutsche Museum für IndustrieKultur, das die Geschichte der Fabrik und der Stadt auf rund 2.300 Quadratmetern erzählt. Aus dem Ort des Niedergangs ist ein lebendiges Quartier geworden.

Wer die Nordwolle mit eigenen Augen sehen will, findet die Details zu Ausstellung und Öffnungszeiten auf unserer Seite zum Nordwolle Museum. Weitere Backsteinzeugen der Industriezeit zeigt die Übersicht der historischen Gebäude in Delmenhorst.