Wer heute durch die Graft spaziert, ahnt kaum, dass er über den Gräben einer Festung geht. Der grüne Herzstück Delmenhorsts trägt seinen Namen nicht zufällig: "Graft" ist das niederdeutsche Wort für Wassergraben - und genau die umgaben hier einst das Schloss der Grafen. Dieser Beitrag erzählt, wie aus einer mittelalterlichen Wasserburg der Stadtpark von heute wurde.
Die Burg der Grafen
Alles beginnt im 13. Jahrhundert. Nach dem Ende der Stedinger Kriege sicherten die oldenburgischen Grafen das eroberte, sumpfige Delme-Land mit einer Wasserburg - einer von breiten Gräben umgebenen Festung mitten in der Niederung. Sie wurde zum Sitz der Grafen von Delmenhorst und blieb über Jahrhunderte das Machtzentrum des kleinen Landstrichs.
Ihre glanzvollste Zeit erlebte die Anlage in der Renaissance. Ab 1547 ließ Graf Anton I. die Burg zu einem repräsentativen Schloss im Stil der Weser-Renaissance umbauen, mit Lustgarten. Wenige Jahre später, 1553, entstand der äußere Graftring - der zweite, weiter außen liegende Wassergraben, der der heutigen Parkanlage ihre Form gab.
Abriss und Vergessen
Doch der Glanz verblasste. Als die Grafschaft an Oldenburg zurückfiel, verlor das Schloss seine Bedeutung, verfiel und wurde schließlich verpfändet. Ab 1711 begann der Abbruch der Gebäude, die Steine wurden andernorts weiterverwendet. 1787 fiel auch das Wahrzeichen, der "Blaue Turm" - seine Steine gingen in den Bau der neuen Stadtkirche. Vom stolzen Grafensitz blieb am Ende nur noch das, was man nicht abtragen konnte: die Gräben und die Insel, auf der er gestanden hatte.
Vom Festungsgraben zum Park
Mehr als hundert Jahre lag das Gelände brach, bis die wachsende Industriestadt ihren Bürgern ein Stück Grün geben wollte. 1905 fasste der Magistrat den Beschluss, rund um die äußere Graft eine Promenade anzulegen; 1906 wurde die Anlage als Park gestaltet - ihr 100-jähriges Bestehen feierte die Graft entsprechend 2006. In den 1950er-Jahren wurde der Park nach Süden erweitert und wuchs zum eigentlichen Stadtpark heran. Was als Verteidigungsanlage begann, war nun ein Ort der Erholung.
Die Graft heute
Heute ist die Graft die größte innerstädtische Grünanlage Delmenhorsts. Gemeinsam mit der angrenzenden Wiesenlandschaft Wiekhorn bildet sie ein Landschaftsschutzgebiet von fast 183 Hektar - der eigentliche Park misst rund 16 Hektar. Alter Baumbestand, die inneren und äußeren Wassergräben und weite Wiesen machen ihn zum Lebensraum für seltene Vögel und viele Fledermausarten. Im Zentrum liegt die Burginsel, wo einst das Schloss stand.
Die Vergangenheit ist dabei nicht ganz verschwunden. Der Grundriss des Blauen Turms ist im Boden nachgezeichnet, die Fundamente der Burg ruhen als geschütztes Bodendenkmal einige Meter unter der Erde. Auf der Burginsel steht das Gräfliche Gartenhaus von 1564, das 1979 hierher versetzt wurde und heute für Ausstellungen und Trauungen dient - mehr dazu im Ratgeber Heiraten in Delmenhorst. Wer die Graft besuchen will, findet Tretbootverleih, Minigolf und den beliebten Wasserspielplatz; einen Überblick geben unsere Seiten zu den Parks und Ausflugszielen.